"Mal ehrlich – Was bringt Grenzüberschreitende Verbundausbildung und wann funktioniert sie?"
Geschäftsführer Markus Köster stellt bei Abschlussveranstaltung Fragen aus Unternehmersicht

Rund 80 Vertreter aus Handwerksbetrieben, Berufskollegs und bildungspolitischen Organisationen kamen im September neugierig nach Altenberge bei Münster. In den Köster Möbelwerkstätten als Co-Gastgeber der HWK Münster wollten die Gäste aus dem In- und Ausland alles über die Grenzüberschreitende Verbundausbildung mit Qualitätsanspruch erfahren. Nach einem Begrüßungscocktail und den ersten Netzwerkgesprächen stellte der Geschäftsführer der Tischlerei Markus Köster Fragen rund um GVA, die sich aus Unternehmersicht ergeben.

„Einen Teil seiner Ausbildung im Ausland absolvieren – wie muss ich mir das vorstellen? Wie habt ihr denn einen Betrieb im Ausland gefunden? Und dann? Es kann ja nicht dem Zufall überlassen bleiben, welche Tätigkeiten ihr in dem Betrieb verrichtet. Schließlich gibt es eine Ausbildungsordnung. Wie wurde das organisiert? Wie sieht es mit der Ausbildungsvergütung aus? Muss der Betrieb weiter zahlen?“. Dies und mehr sind Schwierigkeiten, die wohl jeder Ausbilder klären möchte, bevor sich ein Betrieb für die Grenzüberschreitende Verbundausbildung entscheidet. Rede und Antwort standen Auszubildende, Betriebe, Lehrkräfte und Projektpartner, die in den vergangenen zwei Jahren viele praktische Erfahrungen gemacht haben.

Auf dem anschließenden „Marktplatz“ im authentischen Arbeitsumfeld der Tischlerei zeigten sich die Besucher begeistert von den persönlichen Erfahrungen und Werkstücken, welche die Auszubildenden in Form von Diashows präsentierten. An verschiedenen „Ständen“ begutachteten sie die Produkte aus zwei Jahren Projektarbeit wie die Lehrvereinbarung, den Ausbildungsplan und das Zertifikat, welche eine qualitativ hochwertige und strukturierte Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung sicherstellen sollen.

„Qualitativer Nachwuchs durch grenzenlose Ausbildung“

Im Fokus der Gespräche stand ein besonderer Aspekt von Sinn und Zweck grenzenloser Ausbildung – die Nachwuchsgewinnung. Viele Inhaber und Ausbilder müssen sich neue Strategien einfallen lassen, um geeignete Schulabgänger für eine Ausbildung im Handwerk zu interessieren – in Deutschland ebenso wie in Frankreich, den Niederlanden oder Norwegen. Alle sind sich einig: „Wenn wir leistungsstarken Jugendlichen die Möglichkeit anbieten, während der Lehre ins Ausland zu gehen, werden wir als Betrieb attraktiver.“ Dass der Lehrling dann selbständiger, hoch motiviert und fremdsprachengewandt aus dem Ausland zurückkommt, macht das Angebot „grenzenloser Ausbildung“ für Betriebe zu einer noch interessanteren Option in der Nachwuchsgewinnung.

Viele sind deshalb schon jetzt gespannt auf die neue „Geregelte Zusatzqualifikation GVA+“. Sie wird von der Handwerkskammer Münster mit acht Partnern in fünf Ländern von Oktober 2009 an i. R. eines europäisch geförderten Projekts über zwei Jahre entwickelt. Ab 2011 ist es noch attraktiver für Betriebe, die Grenzüberschreitende Verbundausbildung anzubieten. Neben der beruflichen Qualifizierung während mehrmonatiger Auslandsaufenthalte haben Auszubildende dann die Möglichkeit, sich zusätzlich theoretisch zu qualifizieren rund um das Thema „Handwerk grenzenlos“.

Stimmungsvolle Einblicke der Abschlussveranstaltung.



Die Koordination stellt sich vor

Wie in jedem Projekt obliegt es der Koordination (HWK Münster), die Aktivitäten aller Partner miteinander zu verknüpfen. Sie pflegt die interne und externe Kommunikation und ist verantwortlich, gegenüber dem Fördergeber zu zeigen, dass die finanzielle Förderung themenzentriert und sinnvoll genutzt wird.

Schwerpunktmäßig liegt es bei der Handwerkskammer Münster, ein Skript für die Durchführung qualitativ hochwertiger GVA-Maßnahmen („LaWA – lernen und arbeiten im Ausland bzw. learn and work abroad“) zu führen. Dabei wird eine vorerst deutsche Sichtweise immer wieder länderspezifisch angepasst.

Praxisnahe Entwicklung wird im Projekt groß geschrieben und so stehen den Projektpartnern verschiedene Expertengruppen beratend und erprobend zur Seite. Ihre Arbeit wird von der Handwerkskammer Münster koordiniert.


Expertengruppe Berufskollegs

Sie besteht aus Lehrkräften von Berufsbildenden Schulen im Kammerbezirk Münster, die Erfahrung mit E-Learning, der sprachlichen und interkulturellen Vorbereitung sowie der Begleitung von Mobilitätsmaßnahmen haben.
Sie beraten die Partner u. a. bei der Anpassung der Lern- und Kommunikationsplattform und erproben die begleitende Lehre mit den ersten GVA-Auszubildenden.


Expertengruppe Betriebe

Dies sind Betriebsinhaber bzw. Ausbilder, die Erfahrungen mit der Entsendung oder Aufnahme von Auszubildenden im Rahmen von Lehrlingsaustauschen haben oder auch bereits solche Maßnahmen im Ausland begleitet haben und an der Entwicklung der Grenzüberschreitenden Verbundausbildung interessiert sind.
Sie beraten die Partner u. a. bei der Entwicklung eines Lern- und Erfahrungstagebuchs, dem Logbook, bei dem Vergleich von Berufsbildern und erproben mit ihren Auszubildenden die Grenzüberschreitende Verbundausbildung teilweise schon während der Projektlaufzeit.

Internationaler Beirat

Mitglieder aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft wirken je nach Fachgebiet/Organisation beratend und impulsgebend für die Projektarbeit. Die Multiplikatorenfunktion der Mitglieder sorgt für die Verbreitung der Projektergebnisse in die verschiedensten gesellschaftlichen Strukturen.
Ihre Mitwirkung haben u. a. zugesagt:

 • Bevollmächtigter der Regierung für deutsch-französische  
    Bildungszusammenarbeit, Berlin
 • Bundesinstitut für Berufsbildung, Arbeitsbereich 1.3: Internationales  
    Monitoring und Benchmarking
 • Chambre de Métiers et de l’Artisant du Loiret, Orléans
 • EU-Geschäftsstelle der Bezirksregierung Detmold, Bielefeld
 • EU-Geschäftsstelle der Bezirksregierung Düsseldorf
 • EU-Geschäftsstelle der Bezirksregierung Münster
 • Handwerkskammer Krakau
 • Heves Megyei Kereskedelmi és Iparkamara (HKIK, Eger
 • Institut für berufliche Bildung, Lauchhammer
 • Kuratorium der Deutschen Wirtschaft für Berufsbildung, Bonn
 • Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des
    Landes NRW, Düsseldorf
 • Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, Düsseldorf
 • Niedersächsisches Zentrum für internationale Berufsbildung (NieZiB)
    bei der Handwerkskammer Lüneburg-Stade
 • NRW International, Düsseldorf
 • Thüringer Kultusministerium, Erfurt
 • Stiftung für wirtschaftliche Entwicklung und berufliche
    Qualifizierung (SEQUA), Bonn
 • Westdeutscher Handwerkskammertag (WHKT), Düsseldorf
 • Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH), Berlin
 • Zentralverband des Deutschen Handwerks – ZDH Consulting, Brüssel
 • 3s research laboratory Wien


Transfer der Erkenntnisse verstärkt – Mai 2009

Neben der Weiterentwicklung der Produkte zur qualitativ hochwertigen GVA stieg die Koordination mit ihren Projektpartnern verstärkt in die Verbreitung der Ergebnisse ein.

Transfer auf der bildungspolitischen Ebene:
Auf vielen Multiplikatoren- Veranstaltungen und auf einer großen Mobilitätskonferenz im Rahmen der französischen Ratspräsidentschaft berichteten sie über GVA und trafen durchweg auf großes Interesse. Angebote verschiedener Organisationen aus vielen europäischen Ländern für die Aufnahme gemeinsamer Mobilitätsprojekte werden nach und nach angegangen.

Ein Partnermeeting wurde gezielt nach Polen verlegt, um dort in einem breit gefächerten Kreis von Bildungsexperten das polnische Bildungssystem, die Arbeit am polnischen Qualifikationsrahmen und den Umgang mit ECVET zu diskutieren. Über erste Schritte in der Mobilität wurde berichtet. In Bezug gesetzt zu den deutschen Erfahrungen und der Herausforderung, im Ausland erworbene Kompetenzen zu dokumentieren, konnte die Dringlichkeit, GVA strukturiert umzusetzen und zu etablieren, deutlich gemacht werden. Mit der Krakauer Handwerkskammer werden nun Möglichkeiten für Mobilitätsmaßnahmen geprüft. Ein örtliches Berufskolleg wird sich mit den Projekterfahrungen im Bereich E-Learning auseinandersetzen, um Modelle für die eigene Lehre zu erhalten.

Im Dezember tagte in Münster erneut der internationale Beirat, wobei die Erfahrungen von Auszubildenden im Mittelpunkt standen. Bildungsexperten aus Betrieben, Berufskollegs und der Bildungspolitik gaben mit ihrer Einschätzung, wohin GVA in Zukunft wachsen soll, wichtige Impulse für die weitere Projektarbeit und für die Entwicklung eines Folgeprojekts.

Das nächste Beiratsmeeting am 7. Mai steht dieses Mal unter dem Motto „Ausbildung grenzenlos – Internationale Kompetenzen im Handwerk durch Grenzüberschreitende Verbundausbildung“. Der Fokus liegt dieses Mal auf den Erfahrungen und Herausforderungen von Betrieben. Um eine noch größere Verbreitung zu ermöglichen, wird das Meeting eingebunden in die 1. Europäische KMU-Woche. Weitere Informationen:

Transfer auf der Ebene der Zielgruppen:
Anfang März nahm die neue Mobilitätsberatung der Kontaktstelle Ausland bei der Handwerkskammer Münster ihre Arbeit auf. Sie wird den Transfer durch gezielte Beratung zu GVA unterstützen und baldmöglichst auch in die Akquisition bei Betrieben und Auszubildenden einsteigen. In ihrem Netzwerk von weiteren etwa 40 Mobilitätsberatungsstellen bei IHKn und HWKn in ganz Deutschland wird sie auf das Projekt aufmerksam machen.


Praxistest für erste Ergebnisse – Stand September 2008

Neben zwölf transnationalen Treffen aller Partner oder der jeweiligen Teams (sechs davon als Online-Konferenzen über die DLS-Plattform), kamen in Münster die Expertengruppen mehrfach zusammen, um mit viel Blick für die Praxistauglichkeit über die Vorhaben der Partner zu diskutieren.

Didaktische Modelle dienlicher als Breitstellung konkreter Inhalte

Sehr bedeutend für die weitere Arbeit war u. a. die Erkenntnis, dass Lehrkräfte weniger auf die Bereitstellung konkreter Inhalte für E-Learning angewiesen sind, um eine effektive Begleitung während der Auslandsphase sicher zu stellen. Vielmehr sei es wichtig, didaktische Modelle zu entwickeln und zu erproben, die dann jeweilige Fachlehrer mit individuellen Inhalten füllen. Im Oktober wird diese „Realsituation“ zum ersten Mal eintreten, wenn drei Auszubildende des Metallhandwerks für je zwei Monate ins Ausland gehen. 1-3 Wochen ihres vorgesehenen Blockunterrichts fallen in diese Zeit. Damit sie den Anschluss an den schulischen Unterricht behalten, wird ein Trainingsplan für den theoretischen Unterrichtstoff ausgearbeitet.


Interkulturelle Kompetenz nützlicher als fachliche Neuigkeiten

Um eine Gewichtung gebeten, was der größte Mehrwert eines längeren Auslandsaufenthalt ist, waren sich die Experten aus Betrieben einig: Die interkulturellen Kompetenzen der Auszubildenden (und späteren Mitarbeiter) und die Entwicklung der Persönlichkeit sind neben den sprachlichen Fortschritten für den Betrieb mindestens genau so nützlich wie zusätzlich erworbene fachliche Kompetenzen. Dieser Hinweis lieferte entscheidende Impulse für die Entwicklung des Logbooks und für die Expertise zur Zertifizierung des Mehrwerts durch GVA.


Offizieller Startschuss mit viel positiver Beachtung – Stand Januar

2008

Das Projekt „Praxisnahe Optimierung und Implementierung Grenzüberschreitender Verbundausbildung im Handwerk“ begann am 24. Oktober 2007 und endet am 24. Oktober 2009.

Am 31. Januar 2008 fiel der offizielle Startschuss bei der Kick-off-Veranstaltung im Bildungszentrum der Handwerkskammer Münster. Etwa 100 Besucher aus Betrieben, Wirtschaftsverbänden, Berufskollegs und der interessierten Öffentlichkeit informierten sich über die Projektziele und die geplante Umsetzung.

Bei dieser Gelegenheit gab es bereits viele positive Rückmeldungen, wie wichtig es sei, ein strukturell verankertes Angebot für längerfristige Auslandsaufenthalte während der Erstausbildung zu schaffen.


Internationaler Beirat nimmt seine beratende Mitarbeit auf

Neben dem ersten transnationalen Treffen der Partner tagte auch der internationale Beirat und unterstützte mit hilfreichen Fragen und Anregungen die Arbeit der folgenden Monate.

Beim 2. Treffen des Beirats am Vormittag des 04. Dezembers 2008 werden viele Produkte einen hohen Entwicklungsstand erreicht haben und die Partner sind gespannt auf die Einschätzung ihrer internationalen Experten.

Ich hoffe, durch einen Auslandsaufenthalt meine Sprachkenntnisse anwenden und erweitern zu können.
Außerdem möchte ich gerne die Unterschiede in der Kultur und in der Arbeitsweise kennen lernen, um sie mit unserer vergleichen zu können. Vielleicht erhalte ich auch Anregungen und neue Ideen.

Raphael Wierbrügge, Metallbauer im zweiten Ausbildungsjahr bei Bernd Münstermann GmbH & Co. KG, vor seinem Praktikum in Frankreich.